Führen und sich führen lassen: ein ganz und gar heikles Thema, wenn es um die heutige Situation von Mann und Frau in Beziehungen oder im alltäglichen Leben miteinander geht. Wie viel Führung ist gut? Und welcher Part sollte sie übernehmen? Mann oder Frau? Oder beide? Und wie geht das heute?

Das archetypische Bild vom starken, muskelbepackten, immer selbstsicheren Mann, der seine zarte Angetraute bei der Hand nimmt und ihr den Weg weist, während sie dankbar und ohne jegliche Widerworte folgt, ist längst überholt und so wohl eher nur noch die Seltenheit. Im Gegenteil dazu zeigt sich oft, dass Frauen wie Männer in einem Zwiespalt zu stecken scheinen: während viele Frauen unbewusst zwar noch immer der romantisch verzerrten Vorstellung vom Ritter auf dem weißen Pferd nachträumen, haben sie andererseits längst die Zügel in die Hand genommen, fahren weiße Autos, die sie selbst bezahlt haben und retten sich selbst, wenn das Bild von der Wand gefallen ist und ein neuer Nagel hermuss. Männer sind statt auf ihrem Pferd heute mit dem Kinderwagen unterwegs, gehen in Elternzeit und lassen aus Versehen die Türen hinter sich zufallen, wo sie dann die ein oder andere Frau unbeabsichtigt vor die Nase bekommt.

Denn die Rollenverteilungen sind längst nicht mehr so klar und unverrückbar festgelegt wie noch zur Zeit unserer Eltern oder deren Eltern. Heute gibt es viel mehr Freiheiten – natürlich eine wunderbare Errungenschaft unserer Zeit – andererseits aber auch viel mehr Unsicherheiten als eine Nebenwirkung derselben, die beide Seiten gleichermaßen betrifft. Wenn Mann und Frau sich jedoch entscheiden zu tanzen, gibt es mit einem Mal keine Unsicherheiten mehr, denn wo getanzt wird, sind die Rollen klar verteilt. Und wo man meinen könnte, dass das nun endlich wieder für Erleichterung und Orientierung sorgt, steht die eigentliche Herausforderung damit erst vor der Tür und nicht wenige Paare verzweifeln schlicht an ihr.

Dabei ist es doch so einfach: da gibt es den Part, der führt. Meist ist das der männliche. Und dann gibt es logischerweise den, der folgt. Meist ist das der weibliche. Der Mann führt jedoch nicht über die Frau hinweg, sondern irgendwie mit ihr zusammen. Seine Absicht ist es nicht, sich darzustellen, sondern sie. Er will nicht einsperren oder einengen, sondern ihrer Entfaltung in seiner Führung Raum schenken. Und die Frau? Sie darf ganz sich hingeben, in seinem Arm liegen und in ihren weiblichen Bewegungen ganz auf seine männliche Stärke vertrauen. Harmonie entsteht hierbei dadurch, dass beide Partner eine gewisse Spannung halten, die sich im Wechselspiel von Druck und Gegendruck manifestiert. Denn hielte die Frau nicht ihrerseits mit leichtem Druck dagegen und zeigte Präsenz, würde der Mann sie umdrücken. Spürte der Mann jedoch den Gegendruck der Frau nicht, so verlöre er seinerseits womöglich das Gleichgewicht und fiele nach vorn.

Können wir also sagen, dass es für ein harmonisches Tanzpaar sowohl einer wahrhaften Frau, als auch eines wahrhaften Mannes bedarf, die beide mit all ihren geschlechtsspezifischen Stärken in gleichem Maße präsent sind? Und wenn wir das an dieser Stelle nun auf unsere Beziehungen ummünzen, ist es dann vielleicht so, dass die Mitte immer wieder neu ausbalanciert werden darf? Dass es kein festgelegtes Schema einer gut funktionierenden Beziehung gibt, sondern dass Mann und Frau sich immer gleichermaßen einbringen dürfen, ja vielleicht sogar müssen, damit es gelingen kann? Denn wie wir miteinander tanzen, spiegelt auf verblüffende Art und Weise wider, wie wir miteinander leben. Wie wir einander lieben. Welch schönere Art könnte es da also geben, als sich tanzend einzuüben in das große Geheimnis von Mann und Frau.

„Darf ich bitten?“ – „Aber ja doch!“

Vanessa Guerra

 

Foto: Stefanie Ehl